Muttertag. Feine Sache das. Jaja, ich weiß, alles nur eine Nazi-Blumenhändler-Grußkartenhersteller-Erfindung. Mir doch egal! Ich freu mich.
Die beste Tochter von allen befand es für nötig, neue Verknüpfungen in meinen Synapsen zu legen. Vergiß ihn endlich! Mach was Neues und lass es Dir gutgehen! sprach sie und schenkte mir einen Tag im Hamam. Zum Muttertag. Eben!
Nix hamham, Hungi, jammijammi. Hamam – türkisches Bad. Dies sollte nicht nur mein dringendes Wellnessbedürfnis erfüllen, sondern auch alte Erinnerungen überschreiben. Mein erster Hamambesuch fand nämlich in der Türkei statt, in einem der Urlaube mit meinem akuten Ex. Schön wars. Aber Tochter meint: s.o.!
Ich lass mir ja gern Wellnesssynapsen legen und mein Hirn fragt auch recht zuverlässig: Sind Sie sich sicher dass sie diese Erinnerung löschen wollen? und der Tag mit der besten Tochter von allen war wirklich der Hit!….aber ungern vergessen würde ich dies:
Mein damals zukünftiger und jetzt akuter Ex (kurz DZUJAE) und ich beschliessen, uns im Hamam „verwöhnen“ zu lassen. Gemischter Tag, Männer und Frauen in geschirrhandtuchgroßen Stofffetzen sitzen herum und alle, wirklich alle wissen was zu tun ist. Nur wir nicht. Deutsche eben. Ist nicht schlimm, wir bekommen es erklärt und liegen herrlich gewärmt auf dem Marmorsockel wie die Pizza auf dem heißen Stein. Das heißt, ich liege herrlich und DZUJAE liegt schrecklich unbequem. Da kann der Mann noch so schön sein, wenn man so dünn ist, liegen die Knochen gern mal direkt auf Marmor.
Das Problem hatte ich damals schon nicht. Also das mit den Knochen. DZUJAE liegt also leidlich bequem, aber wunderbar warm in Sichtweite und es betritt das Hamam: der MASSEUR. Klischee hin oder her, er hat Bauch. Und Haare. Auf dem Bauch. Und ob. Und auf dem Rücken. Und Armen. Und was weiß ich wo.
Auch er im Geschirrhandtuch. Es beginnt das Einseifen. Herrlich! Für mich. DZUJAE, nunja… Wir werden unter Schaumbergen begraben und wunderbar (für mich…und, ach ihr wißt schon) massiert. Ich schwöre, dass der MASSEUR sich mit all seinen neunzig Kilo auf DZUJAE presst, nur um Knochen knacken zu hören. Aber man hört nur die Knochen, kein Klagelaut kommt über seine Lippen!
Ich werde wundervollst massiert und da der Schaum schier überall ist, kriecht er mir natürlich in die Ohren. Wenn man auf dem Bauch liegt und den Kopf zur Seite dreht, kann Schaum gar wunderbar kriechen. Er kann in Gehörgänge von denen ich gar nichts wußte, mit denen ich nie hörte…
Wir beendeten zufrieden (also ich) den Hamambesuch und DZUJAE bekam noch ein Paar Sandalen geschenkt zum Abschied….(hab ich was verpasst?) und alles schien gut.
Dann kam die Nacht. Mit ihr der nächste Morgen. Und mit ihm das GRAUEN!
Der vorwitzige Schaum hatte sich tief vorgewagt, keinen Weg mehr zurück gefunden und gedacht, Scheiß drauf, dann entzünde ich mich eben hier. Gesagt, getan. Mein Ohr fand das nicht so toll, ich auch nicht und DZUJAE hatte Mitleid aber auch keine Idee ausser: Du musst zu Arzt!
Gut. Hatte ich doch bei meine Krankenkasse einen Auslandsreisekrankenschein erworben und fühlte mich sicher. Ab zum Arzt. Kleiner Raum, früher mal Abstellkammer, aber dafür in unserem Hotel. Ich erkläre, wedel mit meinem Schein und werde von einer Schwester sanft, aber deutlich auf einen kleinen Drehhocker gesetzt.
Der Arzt kommt und sieht aus wie der MASSEUR, oder mindestens wie sein Bruder…na dann mal los.
Er guckt mit einem Gerät, dass ich zuletzt im Film der englische Patient oder Clockwerk Orange gesehen habe in meine Ohren. Ganz tief.
Der ARZT murmelt. Türkisch natürlich. Ich frage: Was ist denn?
ARZT: murmel murmel
Ich: Öhm?
ARZT: Dass iss ganze klar. Ohrschmalz. Ohrschmalz. Viele Ohrschmalz.
Ich: Wie bitte? Ich hatte noch NIE Probleme mit Ohrschmalz, da ist was entzündet und tut fies weh!
ARZT: Isch sage ja Ohrschmalz. Viel Ohrschmalz. Ergreift mit Hilfe seiner Schwester (und ich sage nicht Krankenschwester) meinen geschundenen Körper und sagt: Du musse ganz still halte. Nicht bewege!
Ich bin heilfroh dass er Deutsch spricht, denn ich kann nur „bitte danke hallo wie geht es dir mir geht es gut“ auf türkisch. Aber ich bin nicht froh dass er stillhalten verlangt.
ARZT und SCHWESTER nehmen ein mindestens 100 Liter fassendes Gefäß, einen Schlauch und einen Trichter und nähern sich grinsend.
Ich bin mir ganz sicher, dass es ein abgekartertes Spiel ist, der MASSEUR misshandelt die Männer, schäumt die Frauen und sein Bruder der ARZT und die SCHWESTER helfen einem aus der Misere wieder heraus.
Nur gut dass ich meinen Auslandskrankenschein dabei habe. Und gut dass ich DZUJAE draussen wartend habe, denn was passiert unweigerlich, nachdem mir die kompletten 100 Liter in das eine und nochmal 100 in das andere Ohr getrichert wurde?
ARZT und SCHWESTER: Du musse beszahle. Nix Krankenschein. Nur Bargeld. Fuffzich Eeuuro.
Ich: Wie bitte? (Hab ja noch fast 200 Liter im Durchlauf) Ich hab doch meinen Krankenschein?
ARZT, SCHWESTER und bestimmt aus dem Nebenzimmer MASSEUR: Nix Schein, Du musse zahle bar, fuffzich Eeuuro, fuffzich Eeuuro!
Und so flossen 50 Euro aus der Urlaubskasse an das türkische Gesundheitswesen. Immerhin hatten wir die Sandalen und ich saubere Ohren.